Carl H. Hahn wird heute 94 Jahre alt

Gerald Balser, 1. Juli 2020

 

Ein VW-Urgestein hat heute, am 1. Juli 2020 Geburtstag. An dieser Stelle von mir die herzlichsten Glückwünsche und weiterhin eine gute Gesundheit sowie Freude an der Arbeit und am Leben. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG, Prof. Dr. Carl H. Hahn, wird unglaubliche 94 Jahre alt. Dieses nahezu biblische Alter sieht man ihm nicht an. Im Gegenteil, schlank und rank, im schicken Slim-Anzug mit modischem Karohemd wirkt er geradezu jugendlich. Wenn man so will, ist dies sein Markenzeichen.

 Prof. Dr. Carl H. Hahn 2015 auf der IAA Frankfurt am Main


Bereits vor 50 Jahren, als Mitglied des Vorstandes bei VW und Leiter des Vertriebs, beeindruckte Herr Hahn durch seine sportliche Erscheinung, sein modisch-korrektes Outfit und seine vom Segeln gebräunte Haut. Ich weiß dies, denn ich war damals nach Beendigung meines Studiums Sachbearbeiter in der Abteilung Zentrale Marketingplanung, in einem Bereich, der dem Vertrieb direkt unterstellt war. Herr Hahn war damals mein oberster Chef. Das Marketing steckte bei VW noch in den Kinderschuhen. Wir waren innerhalb des Vertriebs eine kleine, verschworene Gruppe. Herr Hahn als Betriebswirt kannte sehr wohl die Bedeutung des Marketing für den Automobilbereich und förderte unsere Abteilung. Dies war nicht selbstverständlich, denn das Sagen bei VW hatten damals die Ingenieure, die grundsätzlich den Ehrgeiz hatten, immer das bestmögliche Auto zu bauen und die eine Abteilung Marketing eher für überflüssig hielten.

 

Was mir bei Herrn Hahn sehr positiv in Erinnerung blieb, war sein Führungsstil. Untergebene gab es bei ihm nicht. Er war in Besprechungen grundsätzlich ergebnisoffen und ermutigte seine Mitarbeiter, ihre Ansichten und Ideen frei zu äußern. Man nannte diese neue Form von Führung „Brainstorming“. Natürlich war dies keine demokratische Veranstaltung. Das letzte Wort hatte und die Entscheidungen traf selbstverständlich Herr Hahn. Der Chef ist immer Vorbild. Sein Führungsstil setzte sich im gesamten Vertrieb fort. Bei meinem Abteilungsleiter, Dr. Gerd Burmann, sowie bei meinem Bereichsleiter, Klaus Vacano, hatte ich für meine Ideen viel Bewegungsfreiheit. Mir machte die Arbeit bei VW in Wolfsburg sehr viel Spaß. Im Nachhinein war es die aufregendste, aber auch arbeitsintensivste Zeit meines Lebens.

 

VW befand sich damals, ähnlich wie auch heute, im Umbruch. Das Käferkonzept „luftgekühlter Heckmotor“ war am Ende, neue Autos mit dem neuen Konzept „wassergekühlter Frontmotor“ waren noch in der Pipeline. VW schaute geradewegs in den wirtschaftlichen Abgrund. Man hätte Massenentlassungen fachlich und politisch erklären und durchsetzten können. Als äußerst sozial eingestelltes Unternehmen bot VW seinen Mitarbeitern Aufhebungsverträge mit attraktiven Geldsummen an. Für einen Single mit Ende Zwanzig war Wolfsburg damals kein idealer Standort. Ich nahm den Batzen Geld mit. Vergessen konnte ich meine erste Liebe VW nie. Ich blieb, eigentlich bis heute, meiner Abteilung und auch Herrn Hahn verbunden. Der erfolgreiche Vertriebschef wurde nach einem Intermezzo bei dem Autozulieferer Continental AG Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG. Er legte in den elf Jahren seines Wirkens als CEO den Grundstein zu dem, was VW bzw. der VW-Konzern heute ist, der größte Autobauer der Welt.

E-Mail