Läutet VW den Abgesang des Dieselmotors ein?

Kommentar von Gerald Balser, 29.09.2015

Sonntag-Morgenmagazin Gießen

 

Man darf es nicht verharmlosen. Die Abgas-Manipulation von VW an einigen ihrer Dieselmotoren war Betrug und zwar vorsätzlich. Es war aber nicht nur Betrug, sondern auch Dummheit. Sicherlich, VW stand in den USA vor keiner einfachen Endscheidung. Offensichtlich war der Dieselmotor bei den in den USA gültigen extrem niedrigen Emissionsgrenzwerten gegenüber der von VW gewünschten Leistung bzw. dem Verbrauch technisch bzw. wirtschaftlich an seine Grenzen gestoßen. Konsequnterweise hätte VW unter diesen Umständen den auf dem amerikanischen Markt bedeutungslosen Dieselmotor aus seinem Programm nehmen müssen. Die Öffentlichkeit in Amerika hätte es wahrscheinlich noch nicht einmal gemerkt. Gemacht hat VW allerdings genau das Gegenteil. Ausgerechnet mit Hilfe des Dieselmotors sollten die in den USA niedrigen Verkaufszahlen der letzten Jahre erhöht werden. VW glaubte mit dem in Deutschland und der Welt viel gelobten TDI-Motor in den USA ein Alleistellungsmerkmal zu besitzen und ist damit in die Offensive gegangen. VW ist „German Engineering“ und hat sogar einen „Clean Diesel“. Damit hat VW gezielt die Kundschaft angelockt, die besonders umweltbewusst ist. Warum ist VW dieses hohe Risiko eingegangen, wo jeder weiß, dass sich Betrug nicht auf Dauer verheimlichen lässt und wie gnadenlos US-Behörden bzw. US-Gerichte, insbesondere mit ausländischen Firmen (Siemens, Deutsche Bank) umgehen?

 

Von nichts kommt nichts, sagt man landläufig. In diese krisenhafte Situation ist VW selbstverschuldet hineingeschlittert, indirekt mitverursacht aber durch eine kompromisslose internationale Umweltpolitik. Die hat schon seit vielen Jahren das Automobil zum Feind erklärt. Alle schlechten Umweltwerte, insbesondere  in den Städten, werden dem Automobil zugeschrieben. VW hat diesen Bestrebungen mit ihrer Manipulation eine Breitseite geboten. Dabei versucht die Autoindustrie seit Jahren mit vielen Maßnahmen, vom Katalysator bis zum Downsizing der Motoren, den hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Die Verbräuche und Emissionen wurden stetig reduziert. Die Folge war eine Anpassung der Umweltpolitik an die neue Situation und weitere Forderungen nach Verbesserung bzw. Reduzierung der Abgaswerte. Dabei muss der Politik klar gewesen sein, dass die geforderten niedrigen Grenzwerte niemals im normalen Fahrbetrieb auf der Straße erreicht werden können. Nicht anders ist es zu erklären, dass die Politik den Nachweis unter Laborbedingungen erlaubte und darüber hinaus die Abgase nicht durch eine staatliche Institution, sondern durch die Hersteller selbst messen ließ. Und genau hier setzte VW bekanntlich an. Eine Politikerschelte wäre in diesem Zusammenhang unangebracht. Die in Verantwortung stehenden Politiker eines Landes wie Deutschland mit der Schlüsselindustrie Automobil dürfen nicht in schwarz und weiß denken, sie müssen abwägen. Es geht schließlich auch um Arbeitsplätze. Die Wahrnehmung dieser Verantwortung wird von Gegnern gerne als Kungelei bezeichnet.


Hat der Dieselmotor nach dem Abgas-Skandal noch eine Zukunft? Diese Frage ist nicht nur für VW, sondern für die gesamte deutsche Automobilindustrie von großer Bedeutung. In den USA hat man die wenigen Diesel-Käufer nun gänzlich vergrault. Auch in Deutschland könnte der Dieselmotor bei den Ansprüchen der Verbraucher an Leistung und Verbrauch und den von der Politik gleichzeitig geforderten niedrigen Abgasen technisch bald ausgereizt sein. An einem möglichen Abgesang des Diesels wäre VW somit mitverantwortlich. Sind wenigstens die Benzinmotoren in der Lage, zukünftig die extremen Abgaswerte zu erfüllen? Die Umweltpolitik und auch Teile der Medien sind dabei, eine Situation herbeizureden, bei der es in letzter Konsequenz mittelfristig nur zwei Möglichkeiten geben könnte: Entweder das Auto wird aus der Stadt verbannt  oder es dürfen in Städten nur Autos mit alternativen Motoren und am besten mit dem emissionsfreien Elektromotor gefahren werden (wäre in Städten wie Peking nicht so verkehrt). Diese Aussichten sind nicht nur die Chance von kleinen Außenseitern á la Tesla, sondern auch von riesigen, kapitalkräftigen Firmen der neuen Technologien mit z. B. dem AppleCar und dem GoogleCar. Das bereits propagierte selbstfahrende und selbstlenkende „Autonome Automobil“ könnte die Gefahr für die Traditionsfirmen VW, BMW, Mercedes etc. noch verstärken und in letzter Konsequenz die sehr wichtige Frage aufwerfen: Was wird für den Kunden in naher Zukunft entscheidend sein – das Know-how der traditionellen Autohersteller oder das von Apple, Google & Co.?

 

 

 




Gerald Balser

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