Elektroautos

Das Elektroauto (Electric Vehicle=EV) ist keine Erfindung unserer Zeit. Elektroautos standen bereits am Anfang der Entwicklung des Automobils in Konkurrenz zum Auto mit Verbrennungsmotor,  wurden von diesem aber sehr bald verdrängt und fanden ihre Nischen lediglich im Nahverkehr oder z. B. innerhalb großer Betriebsgelände und auf autofreien Inseln. Knackpunkt war und ist noch heute die geringe Reichweite von Elektroautos. Noch immer sind reine Elektroautos  auf dem deutschen Markt richtige Exoten. Mit Ausnahme von BMW mit dem i3 vermieden die deutschen Hersteller bisher den Aufwand einer Neuentwicklung und versuchten es - wie z. B. VW mit dem e-Golf bzw. Mercedes und dem B 250e  - mit vorhandenen Serienfahrzeugen. Die eigentlich notwendige besondere Profilierung dieser recht teuren Fahrzeuge und die Nutzung der vielen Vorteile von E-Autos konnten auf diesem Wege allerdings nicht gelingen.


Die deutschen Automobilhersteller glänzen inzwischen mit einer Fülle speziell entwickelter nahezu serienreifer E-Autos in den unterschiedlichsten Klassen auf Automobilmessen und in den Medien. Und die Chancen für einen erfolgreichen automobilen Neubeginn stehen gut, denn dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen und dass die Massenherstellung von bezahlbaren E-Autos für den Normalverdiener gelernt sein will, muss der hochgelobte Newcomer Tesla erfahren, der ganz gewaltige Schwierigkeiten mit der Produktion seines neuen "Model 3" hat. Bei der Vielzahl der Verschiebungen des Produktionsbeginns bzw. dem Ausbleiben der Produktion größerer Tagesmengen fühlt man sich an die Probleme beim Bau des neuen Berliner Flughafens erinnert.  Es ist leicht, teure Luxusautos mit Elektromotor zu bauen, aber die Luft wird dünn, wenn es darum geht, ein für die Masse der Autofahrer modernes, technisch hochwertiges, aber dennoch bezahlbares E-Auto anbieten zu können. Dies ist das Revier der etablierten Massenhersteller. Die Gelegenheit für VW & Co., verschenkte Zeit aufzuholen und sich wieder in Position zu bringen. Unter den deutschen Autobauern zeigt sich VW besonders ergeizig. Erklärtes Ziel ist es, nicht nur mit dem traditionellen Verbrennungsmotor, sondern auch bei den zukünftigen Elektroautos Nummer 1 in der Welt zu werden. Die Chancen dafür stehen gar nicht schlecht, denn VW als Massenhersteller wird auch in der Anlaufphase der Produktion neuer E-Autos - schon allein aufgrund seiner führenden Stellung auf dem größten Automarkt China - mit großen Stückzahlen beginnen können. Mit der neuen Strategie "Transform 2025+" plant VW ab Ende 2019 weltweit eine Elektro-Offensive mit vier Fahrzeugen unter der neuen Sammelbezeichnung oder evtl. sogar unter der eigenen Marke "I.D." auf Basis einer vollkommen neuen elektrischen Fahrzeugarchitektur und mit einer Reichweite von bis zu 700 km.


Das Elektroauto ist unabhängig vom Öl und "tankt" an einer öffentlichen Ladestation oder zuhause an einer installierten "Wallbox" bzw. einfach nur an einer normalen Steckdose Strom. Bei den Ladegeräten unterscheidet man grundsätzlich zwischen Gleich- und Wechselstrom. Die Gleichstrom-Säule (bei Tesla heißt die Ladestation für unterwegs Supercharger) ist ungleich stärker und mit diesem Schnelllader ist der Akku häufig in nur ca. 30 Minuten zu 80 Prozent geladen. Beim Wechselstrom mit der Wallbox (zuhause an der Wand) dauert es bis zu 6 Stunden bzw. mit dem Netzladekabel (Haushaltssteckdose)  nochmals deutlich länger (am besten über Nacht laden). Inzwischen haben die ersten Hersteller (Audi mit dem neuen A8) bereits eine induktive Aufladung in der heimischen Garage serienreif. Diese kabellose Methode dürfte in Kürze auch bei öffentlichen Ladestationen möglich sein. Es gibt weiterhin Überlegungen, das induktive Aufladen während der Fahrt zu ermöglichen. Besondere, mit Induktionsvorrichtungen gebaute Straßen wären natürlich die eleganteste, aber auch aufwendigste bzw. teuerste Lösung.


Das Elektroauto hätte das Zeug, die Preisspirale zu stoppen. Beim E-Auto fallen nicht nur viele und teure Autoteile weg,  der wartungs- und verschleißfreie, dazu deutlich kleinere Motor mit nur wenigen Einzelteile könnte das E-Auto sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb deutlich verbilligen. Diese Vorteile müssten aber mit dem Wegfall von Arbeitsplätzen und des technischen Vorsprungs der deutschen Hersteller und Zulieferer bezahlt werden. Dass trotz vieler weiterer Vorteile (z. B. emissionsfrei, größerer Innenraum, usw.) elektrische Autos zurzeit auf dem deutschen Markt nur einen sehr kleinen Anteil haben, dürfte seinen Grund in den zumeist noch recht bescheidenen Reichweiten der Elektroautos haben. Außerdem ist das Netz der Ladestationen für Elektroautos in Deutschland nur schwach ausgebaut, sind die Akkus noch sehr teuer und es gibt noch keine Erfahrungen über deren Haltbarkeit. Die selbst bei Schnellladern gegenüber dem Tankvorgang lange Ladezeit schreckt zusätzlich ab. Man muss allerdings kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass sich die Absatzzahlen explosionsartig vergrößern werden, sobald neue langlebigere bzw. leistungsstärkere Akkus den Fahrbetrieb über die Reichweiten des Stadtverkehrs hinaus erweitern. Mit dem Einsetzen einer Massenproduktion dürften die Preise für die Akkus sinken. Spätestens dann, sollte der Käufer ein ausreichendes Angebot an öffentlichen Schnellladestationen vorfinden.


Die  Elektrifizierung des Autos käme einer Revolution gleich und eröffnete für Hersteller ganz neue Chancen. So könnten sich neue Anbieter mit Erfahrung auf den Sektoren Elektromotor, Batterien und Digitalisierung etablieren und den heutigen Automobilmarkt inkl. den Markt der Zulieferer völlig verändern. Eine Herausforderung, aber auch eine große Gefahr für die klassischen Automobilhersteller. Es steht zu viel auf dem Spiel. Daher ist es nachvollziehbar, wenn die in Verantwortung stehende Politik in Deutschland nicht die Rolle des globalen Vorreiters bei der Elektrifizierung des Automobils übernehmen möchte. Keiner sägt sich gerne den Ast ab, auf dem er sitzt.


Inzwischen scheinen die Würfel gefallen zu sein. Der Verbraucher und die verantwortliche Politik - sogar mancher Hersteller - sind verunsichert und haben den Glauben an die Zukunft des Diesel- und auch des Ottomotors verloren. Wenn man sich die bei VW geplanten Milliarden-Investitionen betrachtet, dann kommt man unwillkürlich zu dem Schluss, die zumindest mittelfristige Zukunft beim Automobil gehört dem Elektromotor.


Die Elektrifizierung des Automobils könnte allerdings nur der erste Schritt für die Elektrifizierung der gesamten Gesellschaft sein. Den Slogan "weg vom Öl" kann man auch auf die Verbrennung jeglichen fossilen Brennstoffs erweitern. Es ist bereits erkennbar, dass der Umweltschutz noch vor der Erledigung des Problems Verbrennungsmotor den Fokus auf die deutschen Kohlekraftwerke  legen wird. Danach wird dem Umweltschutz auffallen, wie schlecht die Umweltbilanz unserer Heizungen ist. Wahrscheinlich wird es erst dann Ruhe geben, wenn das Ziel Null-Emission für die gesamte Volkswirtschaft erreicht ist. Und die Vorstellung eines Wegfalls von Heizungskeller und Heizkörpern in den Wohnungen durch den Einbau elektrischer Klimaanlagen, gespeist von reinem Ökostrom,  hat was für sich. Die Frage ist nur,  ob wir uns dann diese Energie überhaupt leisten können.








 

 




Gerald Balser

Gerald Balser

Oktober 2016


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