Setzt die Umweltpolitik unseren Wohlstand aufs Spiel?

Gerald Balser, 26. September 2019


„Man sägt nicht den Ast ab, auf dem man sitzt.“ Eigentlich eine Binsenweisheit, aber Deutschland ist auf dem besten Wege, diese schlichte Erkenntnis zu missachten, nicht mit Absicht, aber de facto schon. Oberstes politisches Ziel, dem sich alle anderen Ziele unterzuordnen haben, soll der Umweltschutz sein. Dieses Ziel ist absolut, es ist Prinzip. Für Umweltpolitiker ist es fünf Minuten vor Zwölf bzw. bereits fünf Minuten nach Zwölf. Sie glauben, keine Zeit verlieren zu dürfen. Fragen nach den Kosten und dem Nutzen sind unanständig und werden nicht zugelassen.


Als Feind des deutschen Umweltschutzes wurde das Auto ausgeguckt. Sein Verbrennungsmotor wurde zum Verantwortlichen allen Übels. Ein schnelles Verbot dieses Motors sollte die Lösung sein, konnte aber politisch nicht durchgesetzt werden. Als Ausweg bot sich die Salamitaktik an. Wenn man schon den Verbrennungsmotor nicht über Nacht verbieten kann, dann muss man zumindest einen sauberen Motor fordern. Die Lösung war die Erfindung der Emissionsgrenzwerte, die von den Herstellern einzuhalten waren.  Es erinnert an die Geschichte mit dem Hasen und dem Igel. Kaum waren die neuen Grenzwerte erreicht, wurden neue niedrigere festgelegt. Den Herstellern wurde das Leben permanent schwer gemacht. Die Daumenschrauben wurden immer enger angezogen.


Technisch ist sehr viel möglich, „german engeneering“ ist im Ausland ein Qualitätssiegel. Aber irgendwann werden die Kosten für die Erreichung der Ziele so hoch, dass die Unwirtschaftlichkeit eintritt. Für diejenigen, die Autos produzieren und verkaufen, war diese Situation eine Katastrophe, für den Hardcore-Umweltschützer dagegen ein Triumph. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätten die Hersteller lauthals protestieren müssen. Leider taten sie dies nicht, da man fürchtete, seinen guten Ruf zu verlieren. Deutsche Motoren gelten als die besten der Welt. Da es ein offenes Geheimnis war, dass die Verbrauchs- und Emissionsangaben der Hersteller im echten Fahrbetrieb auf der Straße deutlich überschritten werden, und bisher niemand sich die Mühe gemacht hatte, diese in der Realität zu messen, versuchten die Hersteller das Problem still und heimlich durch Manipulation oder besser gesagt durch Betrug zu lösen. Aber wie immer, die Sonne bringt es an den Tag. Mit dem Dieselskandal hatte die gesamte deutsche Automobilindustrie ihre Glaubwürdigkeit und ihr Vertrauen verspielt. Und das Schlimmste daran ist, man hatte selbst dazu beigetragen, das wahrscheinliche Ende des Verbrennungsmotors zu besiegeln. Der Hauptverantwortliche, der VW-Konzern, glaubt nicht mehr an eine Zukunft des Verbrennungsmotors. Die geplanten Milliarden an Entwicklungskosten sollen ausschließlich in das Elektroauto investiert werden.


Ob das Elektroauto letztlich die Umwelt retten wird, ist eher fraglich. Der Anteil Deutschlands an den gesamten CO2-Emissionen beträgt zurzeit lediglich 2 % und der Anteil des Automobils davon wiederum nur ein Bruchteil. Wäre Deutschland morgen vollständig emissionsfrei, die Welt würde es gar nicht merken. Der deutschen Automobilindustrie war dieser Zusammenhang sicherlich bekannt. Deshalb ist es auch verständlich, dass sich die Weltmarktführer VW & Co. lange Zeit gegen die Bestrebungen, den Verbrennungsmotor abzuschaffen, gesträubt haben. Auch der verantwortlichen Politik war klar, dass unser Wohlstand, unsere geringe Arbeitslosigkeit und unser hoch entwickelter Sozialstaat maßgeblich vom Wohl und Wehe der Automobilindustrie und ihren Zulieferern abhängen. Deshalb war der politische Druck auf unsere Schlüsselindustrie eher sanft.


Ausschlaggebend für den in jüngster Zeit feststellbaren Sinneswandel in der deutschen Automobilindustrie war letztlich die Entwicklung auf dem riesigen chinesischen Markt. Die Chinesen wollen den Wechsel zum Elektromotor nicht aus Furcht vor dem Klimawandel und dem Anstieg des Meeresspiegels, sondern weil ihre Megastädte im Smog verschwinden. Da außerdem anzunehmen ist, dass bei einem Verschwinden des Verbrennungsmotors auf dem globalen Automarkt die Karten neu gemischt werden, rechnete man sich in China zurecht gute Chancen aus.


Wenn die Welt ernsthaft daran interessiert sein sollte, das Klima zu retten, dann dürfen die CO2-Werte nicht mehr steigen, sie müssten sogar insgesamt reduziert werden. Dies müsste das Ende der fossilen Brennstoffe und eine Elektrifizierung unserer Volkswirtschaften bedeuten. Der gegenwärtige Strom-Mix mit seinem hohen Kohle-, Gas- und Ölanteil ist dazu nicht in der Lage. Die angestrebte emissionsfreie Produktion von Strom liegt in weiter Ferne.


Für mich wäre die Vorstellung einer emissionsfreien Zukunft wunderbar. Wie in den USA bereits heute üblich, hätten wir keine Heizungsanlagen im Keller und keine Heizkörper mehr in den Wohnungen, sondern unsichtbare Klimaanlagen, die im Winter heizen und in den auch bei uns immer heißer werdenden Sommern in sekundenschnelle kühlen. Das E-Auto hätte das Zeug, die Preisspirale beim Automobil zu stoppen. Es könnte die Kosten sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb deutlich reduzieren. Elektromotoren werden aus nur wenigen Teilen zusammengesetzt und sind dadurch sehr viel billiger herzustellen als der komplizierte Verbrennungsmotor. Außerdem sind E-Motoren bei gleicher Leistung sehr viel kleiner, benötigen im Auto folglich wenig Platz und sind wartungsarm. Wenn doch nicht das Problem mit der Batterie wäre. Daran ist der Elektromotor schon einmal gescheitert, denn der E-Motor ist keine Erfindung unserer Zeit. In den Anfängen des Automobils standen beide Motorenarten zur Auswahl. Aber ich bin mir sicher. Auch das Problem der schweren, teuren und wenig effizienten Batterie wird man in naher Zukunft lösen. In allen Industriestaaten wird fieberhaft geforscht und gearbeitet. Erste Erfolge erreichen uns aus Japan. Toyotas Feststoffbatterie sei serienreif.


Düster sieht es dagegen für die Beschäftigten der Automobilhersteller inklusive ihrer Händlerorganisationen sowie der Zulieferer aus. Die Auswirkungen sind bereits heute zu spüren. Alle deutschen Hersteller haben Personalabbau angekündigt. Für die Produktion der neuen E-Autos wird deutlich weniger Personal benötigt. Außerdem werden viele Zulieferer wegfallen, da ihre Produkte nicht mehr benötigt werden. Auf der anderen Seite dürften zukünftig bedeutende Autoteile nicht mehr in Deutschland produziert werden.


Müssen wir unsere führende Position an andere Länder abgeben, an andere Industrien und an andere Hersteller? Werden Hersteller in China und Südkorea die neuen Marktführer oder gar Unternehmen der neuen digitalen Welt die Autobauer von morgen sein? Alles ist möglich, vor allem dann, wenn der Prozess des Wandels schnell sein sollte. Daran hat Deutschland kein Interesse. Unsere Umweltpolitiker sollten aufhören, die ganz schnellen Veränderungen zu fordern. Sie müssen anfangen, gesamtverantwortlich zu denken und zu handeln und dürfen sich nicht zum Instrument fremder Interessen missbrauchen lassen. Die Autoindustrie ist nicht die regionale Braunkohle. Die Auto-Standorte sind zahlreich und über das ganze Land verteilt. Es geht um hunderttausende, sehr gut bezahlte Arbeitsplätze. Wenn diese Lichter ausgehen, dann sitzt Deutschland im Dunkeln.

 

 

 

 

 

 

 




Gerald Balser

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