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VW vs. Tesla – Wer ist besser aufgestellt?

Gerald Balser, 30. März 2020

 

Glaubt man der Börse, dann wird Tesla das erfolgreichere Unternehmen sein. Der Börsenwert ist zurzeit deutlich höher als der von VW und sogar von Apple und Microsoft, Tesla ist die wertvollste Firma der Welt. Diese Einschätzung muss etwas mit der Zukunft zu tun haben, denn Tesla konnte erstmals einen Gewinn im ersten Quartal 2020 nachweisen. Zwar ist Tesla die Nummer eins der Welt bei der Produktion und dem Absatz von E-Autos – in den Niederlanden ist das Model 3 sogar das meist verkaufte Auto – die absoluten Zahlen sind aber eher bescheiden und entsprechen denen einer Marktnische. Tesla verkaufte 2019 gerade einmal weltweit 367.500 Autos, der Volkswagen-Konzern dagegen knapp elf Millionen. Hier stehen sich eigentlich David und Goliath gegenüber. Allerdings ist allgemein bekannt, wie die Geschichte ausgegangen ist. Und an den Sieg Davids scheint die Börse zu glauben.

 

Hat die Börse mit ihrer Prognose immer Recht? Natürlich nicht. Bewertet wird hier weniger die Firma Tesla als vielmehr der charismatische Mitbegründer und Chef von Tesla Elon Musk. Das hatten wir auch schon einmal in Deutschland mit dem Vorstandsvorsitzenden der Telekom Ron Sommer. Irgendwann muss der Erfolg nicht nur versprochen, sondern auch bewiesen werden, andernfalls geht es steil bergab. Und Tesla ist nicht nur eine Erfolgsgeschichte. In jüngster Vergangenheit hatte Tesla vorübergehend enorme Probleme bei der Produktion und Produktqualität. Auch Massenproduktion muss gelernt sein und hierin ist VW natürlich der Meister.

 

Was VW nach Ansicht ihres Vorstandsvorsitzenden Herbert Diess fehlt, wären Schnelligkeit und Mut zu einem radikalen Umsteuern. Die Zeit klassischer Automobilhersteller wäre vorbei. Die Zukunft von VW liege im digitalen Technologiekonzern. Tesla wäre das Vorbild. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, erfährt, dass es im Konzern gehörigen Widerstand gegen den neuen Kurs ihres CEO gibt, dass große Teile im Unternehmen noch an den Erfolgen der Vergangenheit hängen. Dieses Verhalten ist eigentlich typisch für VW. Sich niemals an die Spitze der Bewegung begeben, erst einmal abwarten, wie sich der Markt entwickelt, um dann kraftvoll zuzuschlagen. Wunderbar, gäbe es nicht  das schlechte Beispiel Nokia, das Herbert Diess vor Augen hat. Das finnische Technikunternehmen hat gezeigt, wie schnell man vom Marktführer zum Verlierer mutieren kann, wenn man technische Entwicklungen verschläft. Auch Herbert Diess will den Verbrennungsmotor zum jetzigen Zeitpunkt nicht gänzlich aufgeben, er will ihn sogar weiter entwickeln, denn das Auto mit Verbrennungsmotor muss die Milliarden Euro erwirtschaften, die für die Entwicklung der neuen Technologie benötigt werden.

 

Neue Technologie bedeutet aber nicht nur E-Motor und Batterie, sondern auch Digitalisierung, ein Gebiet, das von VW bisher vernachlässigt wurde. 90 % der digitalen Ausstattung eines Autos des VW-Konzerns müssen immer noch von anderen Unternehmen eingekauft werden. Ein Grund, warum die Digitalisierung beim Automobil erst so spät einsetzte. VW ist sich darüber im Klaren, dass diese ungeheure Abhängigkeit schnellst möglich beseitigt werden muss. Tesla hat diesen Prozess bereits hinter sich gebracht und liegt bei 100 % Eigenproduktion, auch bei den Batterien. Tesla ist damit gut gefahren, denn von Softwareproblemen, wie beim neuen Golf und nun auch beim E-Auto ID.3, hat man bei Tesla bislang noch nichts gehört. Um den Vorsprung von Tesla aufzuholen, will der VW-Konzern eine eigene Software-Firma gründen, die für alle Marken des Konzerns digital verantwortlich ist. Zum Ende des Jahres sollen bei VW mindestens 5.000  und bis Ende 2025  mehr als 10.000 Ingenieure tätig werden. Allerdings Masse ist nicht unbedingt Klasse.

 

Über den Erfolg eines Produzenten entscheidet letztlich der Verkauf, also die Attraktivität der Autos. Der VW-Vorstandsvorsitzende, Herbert Diess, hat das Jahr 2020 als den Beginn des elektrischen Zeitalters des Automobils in Deutschland erklärt. Mitte dieses Jahres startet VW seine Marktoffensive mit der rein elektrischen Golf-Alternative, dem VW ID.3. Dank des von VW entwickelten "Modularen E-Antriebs-Baukastens" (MEB) werden in kurzen Abständen weitere reine E-Modelle als Alternativen zu den klassischen Erfolgsmodellen auf den Markt kommen. Der MEB ist auch eine Voraussetzung für die Massenproduktion und somit die notwendige Reduzierung der Produktionskosten. Solch einen MEB besitzt Tesla nicht. Für das geplante SUV "Model Y" musste als Basis die Mittelklasse-Limousine "Model 3" dienen. Dies ist die unterste Stufe der Rationalisierung und hilft nicht so richtig Kosten zu sparen. Nicht unbedingt von Vorteil ist, dass Tesla die beiden Autos im Design kaum differenziert hat.


Bei der Reichweite hat der VW-Konzern und auch andere Hersteller enorme Fortschritte gemacht. Der neue VW ID.3 hat Reichweiten zwischen 330 und 550 km. Ebenfalls nach dem Vorbild von Tesla ist VW dabei, für alle E-Autos des Konzerns eine eigene Lade-Infrastruktur aufzubauen. Aber irgendwie erinnert mich das alles an die Geschichte vom Hase und Igel.


Das leistungsstarke Spitzenmodell des Tesla Model 3 kommt mit einer 53-kWh-Batterie aus. VW hat in dem Spitzenmodell seines ID.3, bei deutlich weniger Leistung, eine 77-kWh-Batterie eingebaut. Anscheinend hat Tesla mit seinen selbst entwickelten Batterien wieder einmal einen riesigen Leistungsvorsprung vor der Konkurrenz. Aber auch bei seinem Ladesystem war Tesla nicht untätig. Der neue Supercharger V3 hat die Zeit für eine Aufladung erneut verkürzt. Teslas Model 3 kann daran mit 250 kW Spitzenleistung laden und damit in 5 Minuten ausreichend Strom für 120 Kilometer Reichweite nachladen. Da muss sich VW noch gehörig strecken.


Inzwischen ist in ganz Europa der Markt für E-Autos in Bewegung geraten. Nicht nur VW, alle Hersteller haben die Jagd auf Tesla eröffnet. Die Reichweiten ihrer E-Autos wurden enorm verbessert, die Preise dennoch weitestgehend stabil gehalten. Selbst kleine Stadtflitzer erzielen heute Reichweiten, über die sich vor kurzem sehr viel größere E-Autos gefreut hätten. So erreicht der Kleinwagen e-Honda 200 km, der noch kleinere Kleinstwagen VW e-up!  260 km und der Kleinwagen Opel Corsa-e sogar 330 km. Die Regierungen unterstützen diese Entwicklung aus umweltpolitischen Gründen und haben die Prämien für E-Autos nochmals auf 6.000 € erhöht.


Tesla ruht sich auf seinen Lorbeeren nicht aus und wird in der Nähe von Berlin, in der Märkischen Heide, sozusagen in der Höhle des Löwen, in Rekordzeit  eine Gigafabrik mit einer Kapazität von jährlich 500.000 Autos bauen. Wie ehrgeizig diese Planung tatsächlich ist, wird erst klar, wenn man die weltweit 367.500 Verkäufe Teslas von 2019 in Beziehung bringt. Dabei wird deutlich, dass Tesla zum nächsten Schritt ansetzt: Weg vom Nischenproduzenten hin zum Massenhersteller von E-Autos.

 Vergleich

Tesla mit VW-Konzern


Tesla

VW

Audi

Skoda

Seat

Kleinst-wagen


e-up!


citigo iV

Mii electric

Kompakt-wagen


ID.3



el-Born

Kompakt-Van


ID. Buzz




MK-Limousine

Model 3





MK-

SUV

Model Y

ID.4

Q4-e-tron

Enyaq


OK-Limousine/

Kombi


ID. Space Vizzion




OK-

SUV

 



e-tron






e-tron Sportback



Luxus-Limousine

Model S





Luxus-

SUV

Model X





Luxus-Coupé/

Cabrio

Roadster


e-tron GT



 

Der direkte Vergleich der aktuellen und kurzfristigen Produkte des VW-Konzerns mit Tesla macht deutlich, dass die Marke VW, wie auch schon heute, beim E-Auto der Produzent des Normalbürgers sein will, wo hingegen Tesla, allein aufgrund der Luxus-Preise seiner Autos, eher für den gut betuchten Käufer interessant ist. Eine direkte Konkurrenz besteht lediglich beim Tesla Model Y durch die VW-Konzern-Modelle  Audi Q4 e-tron, VW ID.4 und Skoda Enyaq. Der Tesla ist aber deutliche 10 cm länger als die Konzern-Modelle. Alle vier E-Autos kommen wahrscheinlich Ende 2020 bzw. Anfang 2021 auf den Markt.


Sollte Tesla bei seiner Konzeption bleiben, vor allem den Markt für Premiumfahrzeuge zu bedienen, dann ist der Aufstieg von VW und des VW-Konzerns nicht aufzuhalten. Selbst bei einem Strategiewechsel könnte Tesla so schnell die notwendigen Produktionskapazitäten, die VW natürlich bereits besitzt, gar nicht aufbauen.

 

 

 

 

 

 

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