Was wird aus dem VW Golf?

Gerald Balser, 17.05.2019

Update 31.08.2019

 

War es vor kurzem nur eine Vermutung, so ist es heute endgültige Gewissheit. Der VW-Konzern setzt voll auf die Elektrifizierung seiner zukünftigen Autos. Die alte Produktplanung mit vor allem Facelifts und den Derivaten wird noch abgearbeitet, auch wird die achte Generation des VW Golf im nächsten Jahr noch auf den Markt gebracht und danach dürfte Schluss sein mit neuentwickelten Autos mit Verbrennungsmotor. Inzwischen hat VW parallel zum modernen Modularen Querbaukasten (MQB) einen Modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB) entwickelt, der die Plattform für den neuen VW ID.3 ist und für die kommenden zahlreichen ID.-Neuentwicklungen sein wird.

 

Eigentlich ist dieses forsche Vorpreschen untypisch für den traditionell eher abwartenden, zögerlichen VW-Konzern. Bei den deutschen Mitstreitern kommt diese, aus deren Sicht voreilige Festlegung gar nicht gut an. Mercedes würde sich z. B. gerne das Wasserstoff getriebene Auto mit Brennstoffzelle als realistische Option erhalten, zumal Mercedes den neuen GLC FC (Fuel Cell) in seinem Portfolio hat. Gegen die Marktmacht des Weltmeisters VW-Konzern und auch Chinas zu agieren, ist allerdings nahezu aussichtslos. Außerdem ist es für den Konzern inzwischen zu teuer geworden, auf allen Hochzeiten tanzen zu wollen. Die vielen Milliarden Strafzahlungen haben den Spielraum für VW sehr eingeschränkt.  Auch wird der Zeithorizont für Experimente immer geringer. Dennoch, natürlich pokert VW sehr hoch, denn die Festlegung auf das Auto mit reinem Elektromotor ist nur dann richtig, wenn alle Prämissen sich erfüllen. Es ist zum heutigen Termin jedoch gar nicht sicher, ob in absehbarer Zeit tatsächlich leistungsfähigere, dabei kleinere und obendrein noch billigere Akkus entwickelt werden, damit auch kleinere Elektro-Autos zu vernünftigen Preisen angeboten werden können bzw. der Reisende ohne Bauchschmerzen, deutlich über den heimischen Radius hinaus fahren kann. BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich sieht die Strategie von VW sehr kritisch. Er behauptet, dass ein Batteriefahrzeug immer mehr kosten würde als ein Verbrenner.


Die überragend positive Reaktion der internationalen Kundschaft auf den Verkaufsbeginn für den VW ID.3 hat selbst VW überrascht. Das limitierte Einführungssondermodell war in wenigen Tagen verkauft, obwohl VW lediglich einen getarnten Prototyp vorgestellt hatte und dem Kunden zumutet, ein ganzes Jahr auf die Auslieferung seines Autos zu warten. Dieser Erfolg ist umso erstaunlicher, da der Anteil des Elektroautos an den Neuzulassungen in Deutschland aktuell keine 2 % beträgt. Offensichtlich haben die Kunden ein großes Vertrauen in die Ingenieurleistung und das Produktions-Knowhow von VW.

 

Aber was wird aus den vielen, so erfolgreichen klassischen Autos von VW, also aus Tiguan, Polo, Passat, aber vor allem aus dem Golf? Zunächst einmal wird das vermehrte Angebot von reinen Elektrofahrzeugen für Benziner und Diesel ohne große Auswirkungen bleiben. Die Elektrifizierung des Autos ist ein Prozess, der zunächst wahrscheinlich sehr langsam beginnen wird und sich danach allerdings – falls es keine größeren Pannen gibt - rasant entwickeln könnte. So wie die veröffentlichte Produktplanung aussieht, wird VW Zug um Zug für jedes Fahrzeug mit Verbrennungsmotor eine elektrische Alternative anbieten.


Den Benziner und auch den modernen Diesel wird es dennoch viele Jahre als Neuwagen zu kaufen geben, denn bei dem augenblicklich marginalen Marktanteil an reinen E-Autos, müssen die Verbrenner die enormen Entwicklungskosten verdienen. Es klingt schon etwas abartig, dass der Verkaufs-Champion Golf seine "Systemgegner" finanziert. Und weil das so ist, darf dem Golf auch nichts passieren,  auf der IAA in 14 Tagen durch den ID.3 nicht die Schau gestohlen werden. Deshalb wird VW die achte Generation des Golf erst einen Monat nach der IAA in Wolfsburg vorstellen. Die wenigen Informationen von VW schrauben die Erwartungen bereits heute sehr hoch. Die VW-Marketingstrategen wollen nicht nur eine technische Abgrenzung zum ID.3. In den Abmessungen unverändert, wird der neue Golf im Design deutlich sportlich-emotionaler. Den Sprung bei der Technik - aus der Plattform MBQ wird MBQ Evo - erkennt man auch im Cockpit. Displays in voller Breite, als Touchpad bzw. mit Sprachsteuerung ohne Knöpfe. Der Elektromotor ist auch im neuen Golf eine Selbstverständlichkeit. Wegen des ID.3 wird zwar der e-Golf entfallen, aber neben der bereits bekannten Plug-in-Version, dem GTE, wird es erstmals einen sparsamen und Emissionen reduzierenden "48- Volt-Mild-Hybrid" geben.

Quelle: VW AG


Sollte bei VW das Elektroauto ein Erfolg werden, dann wird man sich den teuren Luxus, zweigleisig zu fahren, nicht auf Dauer leisten können. Nur die Massenherstellung ermöglicht relativ niedrige Preise. Logischer Weise werden als erste jene Modelle mit den dann geringsten Stückzahlen vom Markt verschwinden. Welche Modelle dies sein werden und ob der Golf sich am längsten hält und wie lange, kann man heute noch nicht sagen.

 

 




Gerald Balser

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