45 Jahre VW Polo

Gerald Balser, 17. Februar 2020

 

Ende 1973 stand ich in einer großen leeren Halle der FE (Forschung und Entwicklung) im Wolfsburger VW-Werk und begutachtete zwei auf Hochglanz polierte Prototypen: der von Giugiaro gestylte künftige VW Golf und das Konkurrenzprodukt der Tochterfirma, der Audi 50. Der Golf war mit 3,70 m Länge auch insgesamt größer als der 3,51 m kurze Audi 50. Der wirkte dagegen irgendwie flotter. Wir waren damals absolut nicht sicher, welches der beiden Fahrzeuge der erfolgreichere Käfernachfolger sein werde. Da aber zu diesem Zeitpunkt bereits feststand, dass beide Fahrzeuge in Wolfsburg vom Band laufen würden, überlegten wir, ob nicht beide unter der Marke VW als Nachfolger für den Käfer antreten sollten. Audi war verständlicherweise von dieser Idee nicht begeistert. Die Entscheidung wurde zunächst vertagt und man beschloss, erst einmal den Erfolg des neuen VW Golf abzuwarten.

 

Allerdings konnte sich damals niemand vorstellen, dass ein einziges Fahrzeug in der Lage wäre, die Bandbreite des VW Käfer abzudecken. VW wollte ein zweites Auto mit der modernen Konzeption Frontmotor, wassergekühlt, kompakt und große Heckklappe. Da der Audi 50 noch kompakter als der Golf war, hätte dieses flotte Auto den Bereich unterhalb des Golf abdecken können. Außerdem passte dieses Auto vom Image tatsächlich viel besser zur Marke VW. Im Jahr 1975, nur ein Jahr nach Markteinführung des Audi 50, wurden am Kühlergrill die Audi-Ringe durch den „VW-Lollipop“ ersetzt und der Innenraum deutlich abgespeckt. Fertig war der neue VW Polo.

 

Zwei eigentlich identische Autos als Konkurrenten waren aber auf die Dauer nicht gut. VW überzeugte seine Tochter Audi, auf das Angebot in der untersten Fahrzeugklasse aus Imagegründen zu verzichten. Dieses Ansinnen war mit Sicherheit keine spontane Entscheidung, denn ich bekam bereits 1973 den Auftrag, für einen eventuellen zweiten Nachfolger des VW Käfer einen geeigneten Namen zu finden. Die Namen sollten eine Art Familienähnlichkeit bekommen und somit unschwer als ein Produkt von VW zu erkennen sein. Mit dem VW Passat war zunächst die Richtung Wind, also der neue, frische Wind bei VW, festgelegt. Mit dem Namen VW Scirocco war die Ausbeute gering und das Thema bereits erledigt. Die Werbekampagne "Der neue Volkssport Golf" machte den Weg frei für sportliche Namen.


Vor der offiziellen Vorstellung des neuen Kleinwagens hatte der Vertrieb seine Händlerorganisation weltweit aufgefordert, sich an der Namensgebung des zweiten Käfernachfolgers zu beteiligen. Ein von dem Generalimporteur in Italien vorgeschlagener Name „Pony“ lag sehr gut im Rennen. Die letzte Entscheidung über den künftigen Namen eines neuen Fahrzeuges lag bei einem Gremium aus Vorstand und Aufsichtsrat, das im Penthaus des VW-Hochhauses tagte. Über solch bevorstehende Termine wurde ich allerdings nicht informiert und so traf es mich bei der Entscheidung zum VW Polo aus heiterem Himmel. Ich musste schnellst möglich mit dem Fahrstuhl in den letzten Stock des Hochhauses fahren und meine kommentierten Namensvorschläge bei der Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden Dr. Leiding abgeben. In meiner Stellungnahme gegenüber dem Gremium riet ich von dem Namen Pony ab. Der Name passte zwar vordergründig zu einem kleinen Auto, aber nicht zu dem zu erwartenden hohen Preis dieses Kleinwagens. Entscheidend für die Höhe des Preises eines Autos ist nicht in erster Linie die Größe, sondern die eingebaute Technik. Das Gremium folgte meiner Argumentation, akzeptierte die Verwendung von Sportnamen für kompakte Fahrzeuge und entschied sich für meinen Namensvorschlag „VW Polo“.


Man hatte damals bereits die Vorstellung, Audi zur Edelmarke zu entwickeln. In dieses Konzept passte kein Kleinstwagen. Nach nur vier Jahren kam 1978 das Aus für den Audi 50 und es begann der Siegeszug des VW Polo. Sehr bald stellte sich heraus, dass der VW Golf ein Volltreffer war und die Sensation schaffte, den unglaublichen Erfolg des VW Käfer sogar noch zu übertreffen. Bereits im Oktober 1976 lief der einmillionste Golf vom Band. Die Absicherung mit einem zweiten Auto nach unten, dem VW Polo, wäre also gar nicht nötig gewesen, war aber genau die richtige Entscheidung. Die Modelle sind alle in ihren Abmessungen mit der Zeit gewachsen. Inzwischen ist der aktuelle VW Polo mit einer Fahrzeuglänge von 4,04 m deutlich größer als der Ur-Golf und beherrscht als "kleiner Golf" die Kleinwagenklasse.

 

Ein abgespeckter Audi 50 ist der VW Polo natürlich schon lange nicht mehr. Den VW-Technikern schmeckte die schnelle Nummer damals überhaupt nicht. Ein Audi als VW war für sie eine Schmach und nach dem VW Passat, eigentlich ein Audi 80 mit Schrägheck und großer Heckklappe, war der VW Polo schon die zweite Blamage. Und das vor dem Hintergrund, dass die Techniker bei VW das Sagen hatten. Das Marketing steckte noch in den Kinderschuhen. Aber damals gab es keine Alternative. Sowohl die Marke VW als auch die Händlerorganisation brauchten neue Autos. Die Entwicklung eines neuen Autos dauerte damals jedoch mindestens 8 Jahre.

 

Dennoch, die Techniker konnten dies nicht auf sich sitzen lassen und begannen umgehend mit der Entwicklung eines eigenen VW Polo und auch eines eigenen VW Passat. Erst 1994, mit dem Polo III, war es dann so weit. Nichts erinnerte mehr bei dieser Generation an Audi. Die stolzen VW-Techniker konnten damals nicht ahnen, dass das heute so selbstverständliche Baukastensystem des VW-Konzerns, erstmals 2005 als Plattformsystem eingeführt, dieses Denken überflüssig machen würde.

 

 


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Gerald Balser

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