Das Modell Volkswagen

Gerald Balser, 9. Juni 2020

 

Seit Tagen und Wochen will die hinter der Hand bzw. sogar offen geführte Kritik am Vorstandsvorsitzenden des Volkswagen-Konzerns Herbert Diess nicht verstummen. Diess war es, der den Umbruch „weg vom Verbrenner, hin zum Elektroauto“ entschieden und voran getrieben hatte, der die digitale Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen Firmen beenden will und dabei ist, mit vielen Milliarden Euro, eine eigene für den gesamten Konzern zuständige Software- und Batterieentwicklung aufzubauen. Bei Änderungen gibt es immer Gewinner und Verlierer und große Änderungen erzeugen heftige Gegenwehr. Die großen Verlierer bei VW sind mit der Entscheidung für den Elektromotor die Motoreningenieure und die Gewerkschaften, in erster Linie die IG-Metall. Die müssen durch die deutliche Reduzierung des Einbaus von Autoteilen einen Abbau der Belegschaft fürchten.

 Herbert Diess


Wer VW kennt, weiß, dass diese beiden Gruppen seit Anbeginn im Unternehmen Volkswagen das Sagen haben. Die Macht der Gewerkschaften ist in einem Unternehmen der paritätischen Mitbestimmung sogar gesetzlich garantiert. Auf Seiten der Anteilseigner sitzen im Aufsichtsrat die Mitglieder der Familie Porsche-Piech sowie, eine Spezialität von VW (VW-Gesetz), das Land Niedersachsen mit einem Anteil von 20 %. Einer der Vorgänger von Herbert Diess, der Porsche-Enkel Ferdinand Piech, beherrschte diese Komplexität und nutzte sie für seine Interessen aus. Als genialer Motorkonstrukteur hatte er die Ingeneure auf seiner Seite. Darüber hinaus schaffte er es, die Gewerkschaften für sich zu gewinnen. Bei dieser exzellenten Situation konnte er sich sogar den Konflikt mit der Eignerfamilie Porsche erlauben. Neun Jahre regierte er unumschränkt den VW-Konzern und wurde danach für 13 Jahre ihr Aufsichtsratsvorsitzender. Seine Macht verlor er, als sich die Gewerkschaft von ihm distanzierte.

 

Herbert Diess ist ein Manager, der in erster Linie an Unternehmens-Ergebnissen interessiert ist und seine kostbare Zeit nicht mit Ränkespielen verplempern will. Seine Kritik, dass VW und die sehr gut verdienende VW-Belegschaft sich gerne mit sich selbst beschäftigt und dabei die aktuellen Unternehmensziele, „effizienter durch Kostensenkung und Arbeitsplatzabbau“, aus den Augen verliert, hat Diess am Beginn seiner Tätigkeit als CEO sehr ungeschickt formuliert.


Mit der Aussage, er wolle “die Axt an die Wolfsburger Komfortzone legen“ hat er sich den mächtigen Betriebsrats-Boss Osterlohe gleich zu Anfang seiner Tätigkeit zum persönlichen Feind gemacht. Und Osterlohe hat schon einige CEOs bei VW kommen und gehen sehen. Diess hat es grundsätzlich schwer, denn er ist kein VW-Eigengewächs, sondern wurde von BMW geholt. Was der Sache eigentlich dient, schadet ihm persönlich durch das Fehlen alter Seilschaften. Er ist zwar studierter Maschinenbauingenieur, was ihn aber verdächtig macht, ist seine frühere Tätigkeit bei Bosch in Stuttgart. Dort kam er schon früh in Kontakt mit der Elektrotechnik.

 

Für die Öffentlichkeit ist sein großes Verdienst die Überwindung des VW-Dieselskandals in recht kurzer Zeit. Seine frühe, sehr umstrittene Entscheidung für den umweltfreundlichen Elektromotor hat maßgeblich zur politischen Beruhigung beigetragen, ihm im eigenen Haus und auch bei seinen Vorstandskollegen von BMW und Mercedes jedoch tiefe Abneigung eingebracht. Mit seinen radikalen Unternehmensentscheidung  ging Diess ein persönlich hohes Risiko ein, vor allem, wenn Dinge nicht rund laufen. Und VW kämpft aktuell mit vielen Problemen, die man Herbert Diess persönlich zurechnet. Das Brot-und-Butter-Auto von VW, der neue Golf 8, hatte Probleme mit der selbst entwickelten Software und konnte nur wenige Monate nach dem Marktstart vorübergehend nicht ausgeliefert werden. Die rechtzeitige Auslieferung des vollelektrischen Gegenstücks zum VW Golf und des Hoffnungsträgers von VWs elektrischer Zukunft, der ID.3, ist ebenfalls wegen Software-Problemen gefährdet. Die Schwierigkeiten verwundern eigentlich nicht. Wer erprobte Software nicht mehr kauft, sondern selbst entwickelt, muss mit Anlaufschwierigkeiten rechnen. Der angepeilte Standard von Tesla scheint jedenfalls in weite Ferne gerückt. Bei der SPD hat sich Herbert Diess durch sein Festhalten an der Auszahlung von Dividenden und Boni aus dem äußerst erfolgreichen Geschäftsjahr 2019 unbeliebt gemacht. Befürworter einer staatlichen Kaufprämie für Verbrenner kamen danach gegen das Argument nicht mehr an, wer staatliche Hilfen in Anspruch nimmt, kann nicht auch noch Millionen Dividende und Boni zahlen.

 

Was zunächst wie eine Niederlage aussieht, Herbert Diess die direkte Markenverantwortung von VW zu entziehen, ist vielleicht ein gar nicht so schlechter strategischer Schachzug. Damit hat man den CEO aus der Schusslinie genommen. VW begründet den Schritt in einer Pressemitteilung wie folgt: „Der Volkswagen Konzern ordnet die Zuständigkeiten bei der Führung von Marke und Konzern neu. Die Kernmarke Volkswagen Pkw wird ab dem 1. Juli 2020 vom bisherigen COO der Marke, Ralf Brandstätter, geführt. Der Vorstandsvorsitzende des Volkswagen Konzerns, Dr. Herbert Diess, der bisher beide Funktionen in Personalunion verantwortet hatte, erhält damit mehr Freiraum für seine Aufgaben als Konzernchef. Im Konzernvorstand behält er die Gesamtverantwortung für den Bereich Volkswagen Pkw sowie die Markengruppe Volumen. Ziel ist eine stärkere Fokussierung auf die jeweiligen Aufgaben an der Spitze von Konzern und Marke in der laufenden Transformationsphase der Automobilindustrie. Der Aufsichtsrat hat dies auf seiner heutigen Sitzung zur Kenntnis genommen“.

Ralf Brandstätter


Der Nachfolger von Diess als VW-Markenchef ist Ralf Brandstätter. Als COO (Chief Operating Officer) kennt er die offiziellen und auch inoffiziellen Betriebsabläufe der Marke Volkswagen Pkw wie seine Westentasche. Er ist ein echtes VW-Eigengewächs: In Braunschweig geboren - übrigens wie Osterloh - hat er eine Ausbildung zum Betriebsschlosser bei VW absolviert und anschließend in Braunschweig Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Danach kam er erneut zu VW zurück. Ist diese Personalauswahl wirklich reiner Zufall?

 


 


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Gerald Balser

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