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E-Schlafmütze Deutschland?

Gerald Balser, 22. November 2019

 

Umweltbewusste Kritiker, u. a. erst kürzlich der Journalist Franz Alt in einer Talkshow von Sandra Maischberger, werfen der deutschen Automobilindustrie vor, das E-Auto verschlafen zu haben. Leuchtendes Vorbild sei der amerikanische Hersteller aus dem Silicon Valley Tesla. Selbst die Chinesen hätten uns gegenüber einen riesigen Vorsprung. Sind das nur plumpe Vorurteile, wo einer dem anderen nachplappert oder haben die Kritiker tatsächlich Recht?


Elon Musk

Es stimmt, Tesla mit seinem illustren CEO Elon Musk hatte bereits vor über zehn Jahren den Mut, ohne eigene Erfahrung im Automobilbau, das Experiment E-Auto zu wagen und der Mut wurde belohnt. Heute ist Tesla im oberen Segment der mit Abstand erfolgreichste E-Autobauer und lehrt mit seinem „Model S“ den etablierten deutschen Premiumherstellern Mercedes, BMW und Audi das Fürchten. Was vor wenigen Jahren die Fachwelt in Erstaunen setzte, war die Reichweite des Tesla Model S von über 600 km. Man fragte sich, wie es möglich sein kann, dass ein relativ kleiner und bis dato unbekannter Hersteller die Reichweiten der E-Autos der großen etablierten Hersteller, wie z.B. die des e-Golf von VW, um ein mehrfaches übertrifft. Das gute Ergebnis war kein Trick, sondern resultiert aus den besonderen Möglichkeiten, die Luxusautos bieten. Große, teure Autos haben genügend Grundfläche für eine Anhäufung der großen, schweren und teuren Batterien auf dem Wagenboden und genügend Spielraum für deren Einpreisung. Aber dieser Verkaufserfolg wäre niemals eingetreten, wenn sich Tesla nicht von Anfang an für den Aufbau eines dichten, exklusiven Netzes von Aufladestationen entschlossen hätte.

 

Tesla wollte aber nicht nur für die Wohlhabenden E-Autos bauen und wagte sich mit dem neuen Model 3 in die Mittelklasse. Jetzt schlug die Stunde der Wahrheit. Nach anfänglichen Schwierigkeiten in der Produktion hatten der BMW 3er, der Audi 4 und die Mercedes C-Klasse einen neuen Konkurrenten. Allerdings bei einem Preis von ca. 50.000 € kann man nicht von einem neuen E-Volkswagen sprechen.

Tesla Model 3


Und Tesla macht immer noch mächtig Dampf. Bereits 2020 wird auf dem US-Markt ein Pickup mit dem Namen „Cybertruck“ eingeführt. Ein kluger Schachzug, denn diese riesigen spritfresssenden Lastenträger haben in den USA einen sehr großen Marktanteil und mit E-Motor könnten diese im Grunde sehr praktischen, vielseitigen Autos in Deutschland endlich ihren Schrecken verlieren.


Die Vorzeigemärkte für E-Autos in Europa sind die Niederlande und vor allem Norwegen. In Norwegen ist sogar jeder zweite Neuwagen ein E-Auto. Die Marke Tesla beherrscht geradezu das Bild auf den Straßen. Das Model 3 scheint in Norwegen der neue Volkswagen zu sein. Warum klappt das in diesen beiden Ländern so gut? Norwegen und die Niederlande bieten dem Käufer von E-Autos sehr hohe Anreize. Dort sind die E-Autos nicht teurer als normale Verbrenner, da für E-Autos keine Mehrwertsteuer gezahlt werden muss. Kfz-Steuer und Strom tanken sind besonders billig, Maut-, Parkplatz- und Fährgebühren (Norwegen) fallen ganz weg. Nicht hinsichtlich des Anteils, aber in Bezug auf die absoluten Verkaufszahlen ist der ganz große Markt für E-Autos mit deutlich über 1 Million E-Autos China, das den zweitgrößten Markt, die USA, um das dreifache übertrifft. Allerdings, seitdem die chinesische Regierung die staatliche Förderung nahezu eingestellt hat, bricht der Absatz in China dramatisch (ca.  -33 %) ein. Dieses Schicksal dürfte recht bald auch die Niederlande und Norwegen ereilen, denn je erfolgreicher die E-Autos dort werden, umso größer sind die Verluste staatlicher Einnahmen. Auf Dauer hält der Staat den Verzicht nicht durch.

 

Haben die deutschen Automobilhersteller bisher nur zugeschaut? Das stimmt nicht ganz. Natürlich, keiner gibt als anerkannter Premiumhersteller freiwillig seine herausragende Position auf und stellt sich an die Spitze einer neuen, risikoreichen Technik. Andererseits kann es sich kein deutscher Hersteller leisten, neue Technologien auszuklammern und deshalb wird in Deutschland auch heute noch an jeder Option geforscht und gearbeitet.

 

Das erste nach dem neuen E-Konzept entwickelte deutsche E-Auto war der BMW i3. Dessen Reichweite betrug 2013 nur 190 km. Nicht gerade viel. Zur Erhöhung der Reichweite war ein kleiner Benzinmotor (Range Extender) eingebaut. Der i3 war also eher ein Plug-in-Hybrid. Ein Erfolg ist der i3 bisher nicht. Er ist wohl für das, was er bietet, zu teuer. Entgegen der Gerüchte soll er aber 2020 einen Nachfolger bekommen. BMW arbeitet bei seinen elektrifizierten Autos „i3, i8 Coupé, und i8 Roadster“ mit einer Submarke, die schlicht „BMW i“ heißt. Vollelektrisch sind BMWs Sportwagen nicht. Auch die haben einen kleinen Benzinmotor.


Den ersten vorsichtigen Versuch machte 2014 VW mit dem e-Golf, zwar ein vollelektrisches Auto, aber keine neue Entwicklung wie bei Tesla, lediglich ein umgebauter Verbrenner. Die Erfolge dieses Feigenblatts waren eher bescheiden und die Leistungen auch: Maximale Reichweite von 150 km bei maximal 140 km/h.


Aber VW gewann an Erfahrung, erkannte als erster, wohin die Reise geht und begann mit der Entwicklung eines modularen, elektrischen Baukastens (MEB). Inzwischen wird in Zwickau das erste MEB-Modell, der ID.3, produziert und demnächst ausgeliefert. Die First Edition war in wenigen Wochen ausverkauft. Aufgrund des zu erwartenden Erfolges plant VW eine weitere Produktionsstätte in Dresden. Mit diesem Kompaktwagen und dessen sehr guten Leistungen (Reichweite bis max. 550 km) bekommt Tesla 2020 erstmals einen ernst zu nehmenden Konkurrenten. Der ID.3 ist aber nur der Anfang. VW will für jedes aktuelle Verbrenner-Modell ein elektrisches Gegenstück entwickeln und somit Zug um Zug eine ID-Familie aufbauen. Einen e-Golf der Generation 8 wird es verständlicherweise nicht geben.


VW ist aber nicht nur eine Marke, sondern auch ein Konzern. So erscheint es nur konsequent, wenn auch die VW-Töchter vom MEB profitieren, müsste man meinen. De facto gibt es aber auch Konkurrenz im eigenen Hause und Luxus bzw. Sportlichkeit verträgt sich nicht unbedingt mit volkstümlich. Porsche und Audi haben standesgemäß eine eigene „Premium Plattform Electric“ (PPE) für den Porsche Taycan und den Audi e-tron GT. Allerdings ist fraglich, ob diese Plattform auf Dauer Bestand haben wird. Audis neuer „Q4 e-tron“ steht bereits auf Basis der VW-MEB-Plattform.

 

Mercedes macht es methodisch ähnlich wie VW und stellt allen elektrischen Autos ein „EQ“ voran. Allerdings sind die beiden Buchstaben nicht das Erkennungszeichen für einen modularen elektrischen Baukasten, sondern ein Label (Logo auch für smart) und steht für „Electric Intellegence“, für elektrisch insgesamt, also auch für die Plug-in-Hybriden. So ist es nicht verwunderlich, dass es sich bei dem ersten Vertreter dieser Reihe, dem EQC, lediglich um einen modifizierten GLC handelt.


Als Fazit lässt sich sagen, dass die deutschen Automobilhersteller hinsichtlich des Angebotes an vollelektrischen Autos tatsächlich schlecht dastehen. Ihr Nahziel ist lediglich eine Hybridisierung der Flotten, um die hoch gesteckten Emissionsziele der EU zu erreichen und damit Strafen in Milliardenhöhe zu vermeiden. Nur die Marke VW mit ihren ID-Modellen bzw. der VW-Konzern insgesamt mit seinem MEB scheint auf einem guten Wege zu sein. Mit der frühen Festlegung auf das E-Mobil hat sich VW bei den deutschen Automobilherstellern allerdings keine Freunde gemacht. Der Erfolg wird VW Recht geben.

 

 

 

 

 


AUTOMOBILMARKT

DEUTSCHLAND

www.automobilmarktdeutschland.de



Inhaber und Autor 

Dipl. Oec. GERALD BALSER

St. Pete, FL, Oktober 2016

 






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VW-Mitarbeiter 

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