IAA 2019: Und es lohnt sich doch!

Gerald Balser, 11. September 2019

Bildquellen: privat

 

Hat das Auto an Faszination verloren? Ist das Auto nur noch ein Gebrauchsgegenstand, das seine Insassen möglichst sicher von A nach B bringt? Große Teile der Gesellschaft hätten dies gern bzw. würden das Auto am liebsten ganz abschaffen. Zumindest versuchen Sie, aus dem Lieblingsobjekt und Thema Nr. 1 der deutschen Männer ein schlimmes Feindbild bzw. sogar ein Hassobjekt zu machen.

 

Trotz aller Unkenrufe hat die Internationale Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt am Main, die größte Autoshow der Welt, auch in diesem Jahr kaum an Attraktivität verloren. Ja, es stimmt. Durch die immer größer werdende Konkurrenz unter den internationalen Automessen und den  starken Zwang zum Sparen hat es an Absagen gehagelt. Weder ein französischer noch ein Italienischer Hersteller ist vertreten und aus Japan kommt lediglich Honda. Dafür haben die beiden chinesischen Marken Bayton und Wey die Chance einer ungeteilten Aufmerksamkeit mit gar nicht kleinen Ständen genutzt und die deutschen Hersteller stehen mit ihren ausländischen Tochterfirmen in diesem Jahr noch mehr im Vordergrund als auf den vergangenen Messen.


Die geringere Messepräsens zeigt sich aber auch in den häufig deutlich kleineren und sparsameren Messeständen. Besonders auffällig ist dies bei Mercedes. Die meisten ausgestellten Autos stehen draußen vor der Festhalle bzw. im hellen Anbau am Eingang. Die eher dunkle Festhalle sieht sehr aufgeräumt aus. Die sonst übliche Rolltreppe in die oberen Ausstellungs-Etagen dient lediglich für einen schönen Überblick.


Aber außer dem EQV und der Studie EQS hat Mercedes auch nicht viel Neues zu zeigen. Hätte man die Entwicklung früher erkannt, wäre eine Hälfte des riesigen Messegeländes in diesem Jahr eigentlich ausreichend und die Wege für die gestressten Besucher könnten erstmals deutlich kürzer sein. In der Vergangenheit war es für den Besucher innerhalb eines Tages eigentlich unmöglich, sich bei der Vielzahl der Aussteller und Modelle ein umfassendes Bild zu machen. Dies ist in diesem Jahr sicherlich anders.

Im Grunde ist der Messeleitung ein neues Konzept in den Schoß gefallen. Bei kleinerer Fläche kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Anstatt sein komplettes Sortiment zu zeigen, das man viel entspannter bei seinem Händler um die Ecke anschauen könnte, kann man nun sich auf die Highlights und Neuigkeiten oder sogar Visionen konzentrieren. Das ist es, was die Besucher eigentlich interessiert. Die Idee, verstärkt Promis einzuladen, war bestimmt auch nicht schlecht. Eines macht die diesjährige IAA unmissverständlich deutlich: Die Zukunft ist elektrisch und natürlich auch autonom. Das Motto der diesjährigen IAA „Drive Tomorrow“ hat genau dies im Blick. Die gesamte Automobilindustrie hat sich bereits festgelegt. Der Geruch von Diesel und Benzin bzw. der Sound knackiger Motoren ist auf der diesjährigen IAA dem geräuschlosen und häufig eher etwas unterkühlten Charme des Elektromotors gewichen.


Lamborghini versucht gegenzuhalten und lässt bei der Präsentation seines neuen Super-Super-Sportwagen „Sián“ die Auspuffrohre brüllen wie ein Tiger. Dennoch, ohne Elektro in Form eines Hybriden geht es auch hier nicht.

 

Und schon sind wir in der Halle 3. Die ist in diesem Jahr der Hammer. Die gehört dem VW-Konzern ganz allein. Nicht nur die Marke VW, auch alle anderen Konzernmarken setzen voll auf die Elektrifizierung ihrer Autos, natürlich unter Schützenhilfe von VW. Der absolute Star der Halle ist natürlich das neue Elektroauto von VW, der ID.3. Die Ankündigung der ID.3 sei in den Abmessungen außen ein Golf ist zwar richtig, aber die Behauptung, innen ein Passat zu sein, ist wohl doch etwas übertrieben. Dennoch, bei diesem Elektroauto der neuesten Technik stimmt alles. Ein Vergleich mit dem e-Golf wäre geradezu unanständig. Aus diesem Grund ist es nachvollziehbar, dass VW auf die Einführung der achten Golf-Generation zugunsten des E-Autos ID.3 verzichtet hat. Da passt die Entscheidung von VW ins Bild, während der ersten beiden Pressetage vor der offiziellen Eröffnung auf dem VW-Stand ausschließlich Elektroautos zu präsentieren. Finde ich dennoch schade. Ich hätte mir gerne das T-Roc Cabriolet angesehen.


Dass Elektro nicht unbedingt emotionslos und unterkühlt heißen muss, zeigt Porsche mit dem neuen Supersportwagen Taycan.






Audi hinkt bei der Elektrifizierung noch etwas hinterher. Natürlich ist man stolz auf das attraktive Luxus-SUV "e-tron", ist aber immer noch sehr im alten Benzin-Image verhaftet. Da ist man doch schon verwundert: Das neue A5 Cabrio schwebt am Standeingang in einer Wand und sowohl den neuen A1 Citycarver als auch den Q3 Sportback muss man richtig suchen. Nicht zu übersehen ist dagegen das Elektro-Offroad-Monstrum "AI: Trail Concept", eher ein Alptraum als eine Zukunftsvision. Schon eher stimmt die Richtung bei der autonom fahrenden Elektro-Luxus-Limousine "AI:con" und dem Elektro-Stadtauto "AI:me".



Die spanische Tochter Seat präsentiert das bereits 2020 auf den Markt kommende attraktive Plug-in-SUV Seat Tarraco FR e und die Elektrostudie“ el Born“. Selbst für seine neue Sportmarke Cupra hat Seat mit dem „Tavascan“ eine schnittige Elektro-SUV-Studie im Angebot.

 

Der eigentliche deutsche Elektroauto-Pionier BMW tut sich schwer. Die Marke will sich nicht festlegen. Das Urmodell i3 ist gut versteckt. Auch eher zurückhaltend werden der Prototyp eines Wasserstoffautos „X5 Hydrogen Fuell Cell“ und die Studie „Vison M NEXT“ gezeigt. Groß dagegen präsentiert werden das Luxuscoupé Concept 4 - hat mit der Basis 3er nichts mehr zu tun - sowie die am ersten Pressetag vom neuen BMW-Chef Zipse höchst persönlich in einer eigenen Show gezeigten neuen 3er (The 3), Mini electric und X6 (The X6).


In der früher allein für BMW und deren Töchter reservierten Halle 11 findet der Besucher nun auch Opel, Hyundai, Jaguar und Land Rover.

                                            

                                        

Opel propagiert seinen neuen Corsa-e, Hyundai den neuen i10 und Land Rover den wieder auferstandenen Defender.


In der Halle 8 residieren Ford und sein neuer Klein-SUV Puma, Honda mit dem Honda e und der Neuling aus China Bayton mit dem Luxus-Elektro-SUV M-Byte. Das war´s.

Wenn man sich die letzten Skandale der Automobilindustrie vergegenwärtigt und die vielen bereits angekündigten mehr oder minder gewaltfreien Protestaktionen der radikalen Umweltschützer bedenkt, dann erscheint einem die IAA 2019 wie der Tanz auf der Titanic. Man weiß, der Verbrennungsmotor geht unter, aber bis dahin wird noch gefeiert. Man will die neue Elektrotechnik, aber es geht noch nicht ohne, denn die Benziner und Diesel müssen die immens hohen Entwicklungskosten der E-Autos finanzieren.

 

 

 

 

 

 

 

 


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Gerald Balser

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