IAA 2015 – Apple-Auto oder Auto mit Apple

Bericht von Gerald Balser, 18.09.2015
Sonntag-Morgenmagazin Gießen

 

Im Mittelpunkt der IAA in Frankfurt stehen wie immer die deutschen Premiumhersteller und standesgemäß jeweils in eigener Halle. Die absolute Messeattraktion – eher heimlich - des VW-Konzerns und erstmals größten Autobauers der Welt ist die zweite Generation des SUV-Marktführers „VW Tiguan“. Das neue, im Design stark veränderte Modell – eine Mischung aus Tuareg und Passat - unterscheidet sich in der Länge deutlich von seinem Vorgänger und schafft das Kunststück, bei größeren Abmessungen leichter zu sein und dies alles zum nahezu gleichen Preis. VW will mit dem neuen Tiguan den sehr großen Abstand zum „VW Tuareg“ verkürzen und gleichzeitig Platz schaffen für ein neues SUV-Modell unterhalb der Golf-Klasse. Eye-Catcher auf dem VW-Stand ist ein Concept Car: der „Golf GTE Sport“ mit auffälligen Flügeltüren und einer gewissen Ähnlichkeit mit dem „VW Scirocco“. Der VW-Konzern insgesamt setzt verstärkt auf die Attraktivität des SUV. Bei dem anhaltenden Trend zu SUVs (ist auf der IAA sichtbar) glaubt selbst die Luxusmarke des VW-Konzerns Bentley auf das Angebot eines SUV nicht verzichten zu können. Für den luxuriösen „Bentayga“ leistete die Konzernschwester Audi mit dem neuen Audi Q7 Schützenhilfe. Audi trommelt mit der attraktiven, sportlichen Studie eines Elektro-SUV, e-tron quattro genannt, einer Vision auf Basis des Audi Q5. Brot und Butter dagegen soll der neue Audi A4 - Limousine und Avant - bringen. Auch Bugatti hat Visionen. Den Veyron-Nachfolger „Bugatti Vision GT“ können die Besucher auf der IAA in einem strahlenden Mittelblau bewundern. Die Farbe Blau scheint bei den Supersportwagen momentan in Mode zu sein, denn selbst der neue „Ferrari 488 Spider“ verzichtet auf sein so typisches Ferrari-rot und präsentiert sich in einem satten Blau. Neben dem facegelifteten Sportwagen 911 und dem neuen 918 Spyder können die Besucher bei Porsche einen geschrumpften Elektro-Panamera, die Studie „Mission E“ bestaunen, die es immerhin auf eine Reichweite von 500 km bringen soll. Exklusiv mit traditionell glamourösen Girls präsentiert sich VWs italienische Tochter Lamborghini. Ihr neuer „Huracán Spyder“ (ebenfalls in Blau) soll gegen den neuen Ferrari 488 Spider konkurrieren.

 

Die Marke Mercedes hat im Zuge ihrer Modelloffensive und rechtzeitig zur IAA mit der unübersichtlichen Namenssystematik aufgeräumt und die Zuordnung ihrer vielen SUV-Versionen erleichtert. Z. B. heißt der neue GLK nun GLC und verweist bereits im Namen auf seine Zugehörigkeit zur C-Klasse. Entsprechend gibt es nun einen GLA und einen GLE (anstatt ML). Der heimliche Star des Mercedes-Standes ist nicht die Weltpremiere, das traumhaft schöne neue S-Klasse Cabrio, sondern – Mercedes scheint die Zukunft des Autos zu kennen – der autonom fahrende F015, Luxury in Motion. Zwischen den beiden Marken Mercedes und BMW scheint sich eine Konvergenz zu entwickeln. Die ehemals betont komfortable Marke Mercedes wird immer sportlicher und die betont sportliche Marke BMW wird immer komfortabler. Bestes Beispiel dafür ist die Luxus-Limousine, der neue 7er, der nicht mit Sportlichkeit, sondern mit Luxus und Komfort punkten möchte. Der BMW-Stand entspricht mit seiner edlen Ausstattung diesem Bild und der neue 7er wird dort auf einer großen Bühne mit riesiger Leinwand und gegenüber liegender, steiler Zuschauertribüne in einer beeindruckenden Show begeistert gefeiert. Weltpremiere hat auch die zweite Generation des X1, der aber erst auf dem zweiten Blick neu und dabei etwas bulliger erscheint. Das Kompakt-SUV bietet innen deutlich mehr Platz und der quer eingebaute Motor treibt erstmals die Vorderräder an. Mancher hat es gar nicht gemerkt. Der Clubman war bei Mini nicht mehr im Angebot. Das wird sich bald ändern. Der neue „Mini Clubman“ ist deutlich länger geworden und zu einem echten Golf-Rivalen aufgestiegen. Die zwei Türen im Heck verleihen ihm einen eigenen Charakter und erinnern an einen englischen Country Club. Der Clubman ist mit Abstand das geräumigste Angebot der Marke Mini und gar nicht mehr mini.

 

Das Motto der 66. IAA „Mobilität verbindet“ trifft den Zeitgeist, die Vernetzung und deren tollen Möglichkeiten, die beim Automobil schon lange überfällig waren. Connected Car bleibt heute nicht mehr den teuren Luxusfahrzeugen vorbehalten. Insbesondere die deutschen Hersteller glänzen mit ihren Apps und Diensten, z. B. VW mit dem „Car-Net“, das selbst im Kleinstwagen „VW up!“ angeboten wird. VWs „Trained Parking“ bietet zwei wegweisende Innovationen: Zunächst wird das Elektro-Auto mit dem Smartphone von außen in die Garage eingeparkt und dort danach durch Induktion aufgeladen. Inzwischen ist bei nahezu allen Ausstellern von Automobilen ist das e- bzw. i-Auto oder zumindest der Plug-in-Hybrid eine Selbstverständlichkeit. Der Besucher hat den Eindruck, dass sich in naher Zukunft Smartphone und Auto verschmelzen werden. Wird demnächst nicht mehr der Mensch, sondern der Computer das Auto fahren und lenken? Gehört dem autonomen Auto die Zukunft? Dies könnte in letzter Konsequenz die sehr wichtige Frage aufwerfen: Was wird für den Kunden wichtiger sein, das „Know-how“ der traditionellen Autohersteller oder das der Elektronik-/Computer-Firmen, wie z. B. Apple, Google & Co.?

 



E-Mail