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VW ID.3 – kann der Golf?

Gerald Balser, 2. November 2020

 

VW ID.3

Seit dem 17. Juni 2020 schlägt mit Beginn des Verkaufs des VW ID.3 die Stunde der Wahrheit für den vollelektrischen Hoffnungsträger auf dem deutschen Automobilmarkt. Viel Druck lastet auf dessen Schultern, denn der ID.3 soll der Golf unter den E-Autos werden. Hinsichtlich seiner Abmessungen ist er es bereits. Mit einer Fahrzeuglänge von 4,26 m ist der ID.3 nur 2 cm kürzer, dafür mit 1,81 m ein Zentimeter breiter, aber immerhin bei 1,57 m deutliche 8 cm höher als der Golf. Die wegen der auf der Bodenplatte ausgelegten Batterien größere Höhe und die an einen Delfin erinnernde kurze „Motorhaube“ lassen den ID.3 wuchtig und sehr viel größer erscheinen. Ein Vergleich mit dem Golf Sportsvan wäre daher nicht verkehrt. Das Raumangebot des ID.3 ist für einen Kompaktwagen tatsächlich außergewöhnlich groß, fast auf Mittelklasse-Niveau. Möglich macht dies ein Radstand von 2,77 m. Dies sind deutliche 9 cm mehr als beim Golf und nur 3 cm weniger als beim Passat.

 

Wenn doch der hohe Preis der E-Autos nicht wäre. Da macht auch der ID.3 keine Ausnahme. Sein Einstiegspreis von ca. 30.000 € liegt 10.000 € über dem des Golf und ist für einen  Kompaktwagen zu hoch, auch wenn das Raumangebot und die Motorleistung des ID.3 Mittelklasseniveau erreichen. Unter diesen Umständen schließt sich ein Konkurrenzverhältnis der beiden technisch so unterschiedlichen Fahrzeuge eigentlich aus. Das passt schon, denn der ID.3 soll der Golf unter den E-Autos werden und nicht den Golf ablösen.


Bis vor kurzem war das E-Auto mit seinen kleinen Stückzahlen ein Nischenprodukt. Das hatte seine Gründe: zu teuer, zu geringe Reichweite, zu lange Aufladezeiten und das Fehlen eines flächendeckenden Aufladenetzes. Es ist aber nicht so, dass das E-Auto nur Nachteile hätte. Der geringe Verbrauch im Stadtverkehr und die niedrigen Unterhaltskosten sprechen für sich. Da die Politik das E-Auto unbedingt haben wollte und die Hersteller ein Verbot des Verbrenners fürchteten, griff die Regierung nach dem Instrument Umweltprämie. Man einigte sich auf die Aufteilung netto 6.000 € Staat und 3.000 € Hersteller, also  brutto insgesamt 10.440 €.

 

Die Umweltprämie, die den Preis eines relativ teuren e-Autos um 10.440 € reduziert, musste erfolgreich sein. Ein Tesla Model 3 kostet plötzlich nur noch 40.000 € und der Einstieg beim ID.3 beträgt nur noch ca. 20.000 €. Kunden, denen E-Autos bisher einfach zu teuer waren, greifen jetzt zu. Dies freut zwar die Politik, doch für VW ist diese Entwicklung nicht unbedingt wünschenswert. Mit dem vollelektrischen ID.3 wollte VW Tesla & Co. das Fürchten lehren. Dafür  investiert VW Milliarden in die Elektromobilität. Nach und nach soll jedem erfolgreichen Verbrenner-Modell ein elektrisches Gegenstück zur Seite gestellt werden und auf diese Weise eine eigene ID-Familie entstehen lassen.  Nun sieht es so aus, als wenn der ID.3 wegen seines plötzlich günstigen Preises  vor allem die Verbrenner im eigenen Haus angreift.


Der neu Golf 8


Zu glauben, der ID.3 könne dem Tesla Model 3 Marktanteile wegschnappen, ist völlig daneben. Das Model 3 ist als Oberes Mittelklasse-Auto minestens eine Fahrzeugklasse höher als der ID.3, auch preislich. Das Model 3 in seinem sportlichen Look bedient die Ästhetik und Emotionen. Dagegen will der ID.3 ganz bewusst von außen bereits als vollelektrisches Auto erkannt werden. Er wirkt sehr modern und mit der kurzen Schnauze eher knuffig als emotional. Da aber aktuell nur wenige E-Autos angeboten werden, drängt sich der Vergleich VW ID.3 und Tesla Model 3 auf. So berichtet die Autopresse, dass im September der ID.3 mit 1.974 Neuzulassungen in Norwegen das Model 3  mit nur 1.116 Neuzulassungen vom Thron gestürzt hat. Das ist insofern bemerkenswert, da Norwegen in Europa der Vorreiter der E-Mobilität ist. In den Niederlanden war im Oktober die Hälfte der Neuzulassungen elektrifizierte Autos. Zu diesem guten Ergebnis hat auch der VW ID.3 beigetragen. Er wurde mit 2.769 zugelassenen Exemplaren weit vor dem Tesla Model 3 das meistverkaufte Auto.


Die Elektrotechnik hat beim Automobil inzwischen einen riesigen Sprung nach vorn gemacht und die traditionellen Nachteile des E-Autos zum großen Teil aufgehoben. Kein Hersteller will unter diesen Umständen auf das E-Auto verzichten. Dies hat zu einem rasanten Anwachsen der verschiedensten Modelle von E-Autos geführt. Von der Vielfalt der Verbrenner ist man auf dem E-Auto-Sektor aber noch weit entfernt. Das macht es dem ID.3 relativ leicht. Er ist in seiner Fahrzeugklasse nahezu konkurrenzlos.


Die direkten Konkurrenten des ID. 3 sind folgende vollelektrische Kompaktwagen: 


Der VW ID.3 und seine direkten Konkurrenten

Modell

Länge

(m)

Breite

(m)

Höhe

(m)

Leistung
(PS)

Lithium-Ionen
(kWh)

Reichweite 
(km)

VW ID.3

4,26

1,81

1,57

204
204
204

45,0

58,0

77,0

330

430

550

 

Modell

Länge

(m)

Breite

(m)

Höhe

(m)

Leistung
(PS)

Lithium-Ionen
(kWh)

Reichweite 
(km)

Hyundai Kona electric

4,17

1,80

1,56

136

204

39,2

64,0

312

482

Kia e-Soul

4,20

1,80

1,61

136

204

39,2

64,0

276

452

Peugeot 2008-e

4,30

1,77

1,53

136

50,0

320

Kia e-Niro

4,38

1,81

1,56

136

204

39,2

64,0

289

455

Mazda MX-30

4,40

1,85

1,56

145

35,5

237

Hyundai Ioniq

4,47

1,82

1,45

136

38,3

311

Nissan Leaf

4,49

1,79

1,54

150

217

40,0

62,0

270

385


Im Vergleich zu seinen Konkurrenten ist der brandneue ID.3 mit Sicherheit das modernere Auto. So betrachtet ist die Spitzen-Stellung des ID.3 in seinem Segment bei einer überschaubaren Anzahl von Konkurrenten zurzeit ungefährdet.


Nach dem Vorbild Käfer und Golf versucht VW mit dem ID.3 erneut das Kunststück, mit einem einzigen Fahrzeug, viele Zielgruppen zu erreichen. Die Voraussetzungen dafür glaubt VW bei dem außen kompakten und innen sehr geräumigen ID.3 mit Hilfe einer dreifachen Auswahl an Batterien zu erfüllen. Mit der 45-kWh-Batterie bekommt der Kunde zu einem Preis von ca. 20.000 € ein Stadtauto mit einer Reichweite von immerhin 330 km. In der Grundausstattung wäre er als Zweitwagen geeignet. Ca. 25.000 € kostet der kompakte Alltags-ID.3 mit einer 58-kWh-Batterie und mit 430 km Reichweite. Der ID.3 mit der 77-kWh-Batterie und einer Reichweite von 550 km sowie der Ausstattung Max wird zu einer komfortablen Reiselimousine der Mitteklasse. Sie kostet mindestens 30.000 € und als Max 38.000 €. Alle Preise natürlich nach Abzug der Umweltprämie.


Die brutto 10.440 € Umweltprämie sind allerdings begrenzt auf Ende 2021. Was kommt danach? Sollte zu dieser Zeit der erwartete Preisverfall bei Batterien noch nicht stattgefunden haben, wird es für die E-Autos eng. Ohne eine Verlängerung der Umweltprämie könnte das E-Auto wieder in seine ehemalige Nische zurückkehren.

 

Völlig neue Produkte bieten die Chance, neue Wege zu gehen. Mit der Einführung des ID.3 hat VW endlich seine alte Strategie „sparsamst ausgestattetes Grundmodell (das eigentlich keiner ordert), weitere zwei bis drei Ausstattungsmodelle und eine lange Liste von Sonderausstattungen“ aufgegeben. Das serienmäßig bereits sehr gut ausgestattete Grundmodell des ID.3 wird seinem Namen gerecht und erfüllt endlich die automobilen Grundbedürfnisse des Kunden. Damit relativiert sich auch der recht hohe Einstiegspreis. Zusätzlich bestellbare Sonderausstattungspositionen gibt es kaum noch. Die sind alle in den acht Ausstattungsmodellen Pro bzw. Pro S, Life, Business, Style, Tech, Max und Tour untergebracht. Jedes Modell baut auf einem vorhergehenden Modell auf, bis zum ID.3 Max, dem ersten Komplettauto von VW. Die Vielzahl der Modelle ist vielleicht anfangs etwas ungewohnt und verwirrend, aber hinsichtlich der Preisgestaltung endlich ehrlich.

 

Die Statistik der monatlichen Neuzulassungen der KBA für den Monat September lässt keine Schlüsse auf den Verkaufserfolg des ID.3 zu. Die First Edition von 30.000 Fahrzeugen ist zwar ausverkauft, aber die normale Produktion in Zwickau muss erst anlaufen. Wahrscheinlich ist zurzeit die Produktion nicht in der Lage die überraschend große Nachfrage auszugleichen. Der VW-Handel freut sich jedenfalls  sehr über das große Interesse der Kunden und die Flut der Bestellungen. Unter diesen Umständen macht es für VW wahrscheinlich wenig Sinn, bereits jetzt das attraktive Grundmodell mit der günstigen 45 kWh-Batterie anzubieten. An den teureren Modellen wird natürlich mehr verdient.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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