Corona und das Automobil

Gerald Balser, 31. März 2020

Update: 03.04.20

 

Quelle: Toyota Deutschland GmbH Corona 1979

Corona ist eigentlich kein schlechter Name für ein Auto. Toyota baute eine erfolgreiche Mittelklasselimousine gleichen Namens in zehn Generationen von 1957 bis 1996. Einen Namens-Nachfolger kann man sich augenblicklich angesichts der schweren Corona-Pandemie nicht vorstellen. Dabei hat die Automobilindustrie zuzeit ganz andere Sorgen. Die gesamte Branche steht vor großen Herausforderungen. Der Wechsel vom Verbrennungs- zum Elektromotor darf nicht in die Sackgasse führen. Gleichzeitig müssen die klassischen Autos die erforderlichen Milliarden Euro für Entwicklungskosten des E-Autos und die Umstellung erwirtschaften. Und nun auch noch das Corona-Virus!

 

Quelle: VW AG

Seit über einer Woche stehen wegen Corona die Bänder bei VW & Co. still, die Arbeiter machen Kurzarbeit, zunächst einmal bis zum 19. April. Bei den Händlern arbeiten lediglich die Werkstätten, der persönliche Verkauf ist untersagt, die Zulassungsstellen sind geschlossen. Die Zulassungszahlen im März 2020 sind um 38 % zurückgegangen. Wahrscheinlich sind die katastrophalen Zahlen nur der Anfang. Wie hart sich das Corona-Virus auf die Neuzulassungen in den nächsten Monaten auswirken wird, will man sich gar nicht ausmalen. Jedenfalls hat Ford wegen der Corona-Krise die für den 25. April angekündigte Markteinführung seines neuen SUV Kuga, den es auch als Vollelektro und als Plug-in geben wird, kurzfristig abgesagt. Die Händler werden sich auf sehr schwere Zeiten einstellen müssen, die Hersteller natürlich auch. Die Einkommens-einbußen insgesamt sowie die volkswirtschaftlichen Kosten sind bereits heute immens. Ein Gewinner der Pandemie steht schon fest: der Online-Handel. Eine bessere Förderung hätte der sich nicht vorstellen können. Nun lernt auch der schärfste Gegner die Vorteile des Internet kennen. Selbst die zögernden Automobil-Hersteller kommen ins Grübeln.


Wie lange kann sich Deutschland oder besser gesagt, können sich unsere Betriebe diesen Zustand leisten? Die Antwort der Medizin ist ganz klar, nämlich solange es medizinisch notwendig ist. Die ethisch orientierte Politik kann es nicht zulassen, dass wir die Solidarität mit den Risikogruppen aufgeben und die Rettung von Menschenleben am Wohl der Wirtschaft scheitern lassen. Aber wie verhalten wir uns, wenn die bei uns getroffenen strengen Maßnahmen gegen die Pandemie nicht im gewünschten Umfang greifen und die Krise viele Monate anhält? Dann müssten wir uns bei einem zu erwartenden rasanten Niedergang der Gesamtwirtschaft sehr bald die fürchterliche Frage nach den Kosten und dem Nutzen stellen, also ob man nicht besser - gegen den Rat der medizinischen Wissenschaft - die sehr restriktiven Maßnahmen lockern sollte, bevor die Wirtschaft insgesamt abschmiert. Eine politisch hoch brisante Situation,  die eine abgewogene Entscheidung verlangt. Bei einem Aussitzen das Problems stünde die Existenz der deutschen Automoblindustrie und der deutschen Wirtschaft insgesamt auf dem Spiel. Die Folgen sind kaum vorstellbar.


Also gehen wir lieber davon aus, dass spätestens im Juni die Wirtschaft wieder hoch gefahren werden kann. Wie geht es dann mit der Automobilindustrie weiter? Der durch das Fernsehen bekannte Auto-Professor Dudenhöffer glaubt an keine schnelle Erholung. Der wichtige westeuropäische Markt, der auch von Deutschland aus bedient wird, würde erst im Jahr 2030 wieder das Niveau von 2019 erreichen. In Deutschland könnten gut 100.000 Arbeitsplätze gefährdet sein.


Diese weit verbreitete Angst vor einer Marktschrumpfung wie in Zeiten der Lehman-Krise mit nachfolgenden Überkapazitäten halte ich für falsch. Damals gab es wegen der Unsicherheiten eine starke Kaufzurückhaltung. Bei Corona gibt es die so nicht. Die Nachfrage fällt aus wegen der staatlich angeordneten geschlossenen Betriebe und der gestoppten Fließbänder. Sicherlich, eines weiß man aus Erfahrung. Diejenigen Hersteller und Betriebe, die in guten Zeiten schon immer an der Grenze zum Scheitern gearbeitet haben, die wird es in der Krise zuerst treffen. Diese Grenzbetriebe werden entweder vom Markt ganz verschwinden oder von Mitbewerbern bzw. Neueinsteigern recht günstig aufgekauft werden. Für die Überlebenden wird der Kuchen dadurch etwas größer. Die Volkswirtschaftler nennen dies „Marktbereinigung“. Dieser Prozess führt aber nicht zwingend zur Marktschrumpfung.


Insbesondere die Automobilindustrie hat gegenüber vielen anderen Branchen, wie z. B. in der Gastronomie, bei denen verpasste Verkäufe unwiederbringlich verloren sind, den Vorteil, dass Autokäufe zumeist nur zeitlich verschoben werden. Dadurch könnte in der Krise sogar ein Kaufstau entstehen, der sich danach in Form eines Nachfrage-Booms wieder auflöst.

 

Für erfolgreiche Hersteller dürften die Gefahren eines Konkurses innerhalb der Krise als verhältnismäßig gering eingeschätzt werden. An notwendigen Krediten dürfte es nicht scheitern. Die deutsche Volkswirtschaft hat Geld im Überfluss. Systemrelevante Hersteller, wie z. B. VW, müssten sich eigentlich gar keine Sorgen machen. Der Staat kann es sich nicht leisten, diese Giganten untergehen zu lassen. Im Notfall wird er sogar als Teilhaber einspringen. Bei VW ist das Land Niedersachsen bereits heute Großaktionär. Gefährdet sind vor allem die Betriebe des Mittelstandes, das Rückrat der deutschen Wirtschaft, also auch die Autohäuser. Hier wird es mit Sicherheit zu einer Marktbereinigung kommen.

 

Quelle: VW AG Passat GTE

Was ist also dem potentiellen Autokäufer in dieser Situation zu raten? Zunächst einmal abwarten und den Markt beobachten. Vieles regelt sich in der Marktwirtschaft bekanntlich über den Preis. Hersteller und Händler sitzen auf ihren Neuwagen. Darüber hinaus übt die EU mit ihren Strafen bei Verfehlung des geforderten Flottenverbrauchs auf die Preise für E-Autos und Plug-in-Hybride einen gehörigen Druck aus. 6.000 € Umweltprämie sind dann nicht das Ende der Fahnenstange. Attraktive Sonderrabatte und weitere Verkaufsförderungen sind sehr bald wahrscheinlich. Wir erinnern uns an die Abwrackprämie. Wer allerdings mit seiner Kaufabsicht zu lange zögert, könnte Pech haben und bereits in den Nachfrage-Boom nach der Krise geraten. Dann gibt es mit Sicherheit keine Schnäppchen mehr.

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